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    “Hier sehen wir die Arbeitskämpfe der Zukunft”

    Gepostet von fauma4 am 5. Juni 2018

    Interview mit der FAU Mannheim zum Organizing bei Foodora

    Seit 2016 finden sich immer wieder Berichte von Protesten sogenannter „Riders“, Essenslieferanten von Firmen wie Foodora oder Deliveroo, in den Medien. Besonders stechen dabei in Deutschland die Proteste in Berlin hervor, die durch die dortige FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union) organisiert werden. Dieses Engagement fand u.a. Würdigung durch die IG Metall-Vizevorsitzende Christiane Benner. Auch das Mannheimer Syndikat (so nennt sich in der FAU die lokale Gewerkschaft) möchte diesen Kampf aufnehmen. Wir sprachen mit dem lokalen Gewerkschaftssekretär Teodor Webin.

    KIM: Vorab: Nicht jedem wird bekannt sein, was die FAU ist. Kannst du kurz erklären, was ihr macht?

    FAU: Die FAU gibt es in Deutschland seit 1977. Entstanden ist sie aus der Tradition des ‚Anarchosyndikalismus’ und explizit der Vorgängerorganisation FAUD in der Weimarer Republik. Den konkreten Anlass gaben in den 1970ern aber vor allem spanische GastarbeiterInnen, die in der CNT organisiert waren, die weit größer war als die FAUD. Grundsätzlich verstehen wir uns als Gewerkschaft, die durch ihren Kampf für bessere Arbeitsbedingungen der Lohnabhängigen auch den Gegensatz zwischen ArbeiterInnen und Unternehmen überwinden will, d.h. eine postkapitalistische Gesellschaft anstrebt. Letzteres unterscheidet uns sicherlich von den Gewerkschaften des DGB. Außerdem sind wir föderal von unten nach oben strukturiert.

    KIM: Zum Thema –  Seit einiger Zeit habt ihr MitarbeiterInnen von Foodora konkret angesprochen. Warum?

    FAU: Das Thema wurde für uns relevant, als wir im Juli 2017 von einem gekündigten Mitarbeiter angesprochen wurden. Der wesentlichere Grund für uns war aber, dass sich mit „DeliverUnion“ europaweit ein Netzwerk gegründet hat, an dem verschiedene Basisgewerkschaften teilnehmen. Die Erfolge der FAU Berlin – vor allem die anfängliche Gesprächsbereitschaft des Unternehmens und die Zahl der engagierten Riders von Foodora und Deliveroo – haben uns motiviert, hier auch aktiv zu werden. In Deutschland gab und gibt es entsprechende Organizing-Versuche z.B. in Hamburg, Leipzig, Münster und Frankfurt, Karlsruhe und Nürnberg beginnen gerade mit ähnlichen Projekten. Die „aktion arbeitsunrecht“ hat am 13. April Deliveroo zum Ziel ihrer „Schwarzer Freitag“-Kampagne gemacht.

    Wir haben damit gerechnet und rechnen auch weiter damit, dass wir eine ähnliche Motivation wie in Berlin auch bei den Mannheimer Riders finden – vor allem deswegen, weil es ja eine Menge Berichterstattung dazu gab und wir vermuten, dass die lokalen Riders entsprechend informiert sind – zumal wir ja von Menschen reden, die notwendigerweise gut digital vernetzt sind. Kürzlich hat das NTM uns noch mal befeuert: In der aktuellen Inszenierung von Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ des Regisseurs Volker Lösch hat die DeliverUnion-Kampagne einen prominenten Platz gefunden.

    KIM: Abgesehen von der Öffentlichkeit – was macht Foodora zum Ziel gewerkschaftlichen Organizings?

    FAU: Es gibt natürlich auch ganz praktische Erwägungen. Z.B., ganz einfach: Foodora-ArbeiterInnen sind in der Öffentlichkeit sofort erkennbar. Man muss nicht überlegen, wie man auf ein Betriebsgelände kommt oder vor dem Betriebsgelände grübeln ‚Gehört die jetzt dazu oder nicht?’ Der erste Rider, mit dem ich persönlich z.B. gesprochen habe, stand einfach vor der Haustür, weil er einen Nachbarn beliefert hat. Wenn man dann noch verstanden hat, dass es die sogenannten ‚Hubs’ gibt, an denen sich die Riders mit ihrem Smartphone zur Arbeit einloggen und ungefähr weiß, wann die Stoßzeiten sind, wird das ein Selbstläufer. Wobei hier nicht alles so einfach ist: Die KollegInnen sind zwar dadurch einfach ansprechbar, haben aber nie viel Zeit für ausführliche Gespräche.

    Dazu kommt aber vor allem eins: Die Konflikte bei Foodora erscheinen uns symptomatisch für die Arbeitskämpfe der Zukunft – ähnlich wie vielleicht sonst nur bei amazon. Wir reden hier darüber, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert und damit bestimmte Themen setzt – die Arbeitszeiten (Flexibilisierung), die Art der Arbeit (Homeoffice, Abrufbarkeit, On Demand-Produktion) und das Arbeitsverhältnis (Soloselbstständigkeit, Werkverträge und Leiharbeit) selbst. Bei amazon z.B. wird die Zukunft von Tarifverträgen im Einzelhandel entschieden, darum ist das so ein harter Kampf. Werden wir jetzt bei den Food Deliveries tätig, dann deswegen, um Verschlimmerungen in der Arbeitswelt von morgen ganz allgemein zu verhindern. Alle Gewerkschaften müssen den aktuellen Prozessen frühzeitig einen Riegel vorschieben.

    KIM: Wie erfolgversprechend ist das?

    FAU: Das wird in jedem Fall ein harter Kampf, amazon zeigt das. Dass die Streiks dort so langwierig sind, liegt ja nicht vorrangig daran, dass amazon eine besonders kämpferische Belegschaft hätte, sondern daran, dass sich das Unternehmen als unnachgiebiger Gegner erweist. Man kann aber nicht mehr zurück, wenn man diesen Kampf einmal aufgenommen hat. Auch bei den Riders ist das letztlich nicht anders: Foodora war zwar in Berlin zu Gesprächen bereit, Deliveroo aber hat jede Kommunikation verweigert. Und auch bei Foodora gewinnt man mittlerweile den Eindruck, dass die Gesprächsbereitschaft eine reine Hinhaltetaktik war. Deswegen sind die BerlinerInnen wieder dazu übergegangen, öffentlichen Protest zu organisieren um den Druck zu erhöhen. Wenn wir nun in anderen Städten ebenfalls mit der Organisierung der Riders beginnen, erhöht das auch den Druck in Berlin, die Verhandlungen wieder aufzunehmen.

     

    KIM: Wie geht ihr konkret vor, wenn ihr die MitarbeiterInnen von Foodora ansprecht?

    FAU: Weil wir nur kurze Zeitfenster haben, bleibt der Erstkontakt auf das Wesentliche beschränkt. Wir wollen natürlich wissen, welche Probleme sie konkret haben. Man hört dann auch manchmal ‚keine’, und dann heißt es Nachhaken – denn Arbeitsplätze ohne Probleme gibt es nicht. Bislang haben wir dann vor allem unsere Kontaktdaten vergeben und zu einem Treffen eingeladen. Dieses Treffen sollte zu einem ersten ausführlichen Austausch dienen. Zu einem ersten Treffen ist keiner gekommen, aber wer mal versucht hat, Belegschaften zu organisieren, weiß, dass das nicht ungewöhnlich ist. Wir lassen uns dadurch nicht entmutigen und starten aktuell einen neuen Anlauf. Dabei freuen wir uns über weitere MitstreiterInnen.

    Wir haben dabei natürlich andere Ausgangsbedingungen als z.B. in Berlin: Wir reden in Berlin von 1.000 Beschäftigten, von denen rund 100 aktiv sind – und einige Aktive sind von sich aus zur FAU gekommen. In Mannheim reden wir von etwa 70 MitarbeiterInnen, die wir von außen motivieren wollen, etwa 20% der Beschäftigten haben wir in der ersten Phase angesprochen. Es ist aber durchaus möglich, dass die Belegschaft mittlerweile komplett ausgetauscht ist. Und: Ich kann mit 100 von 10.000 MitarbeiterInnen eher etwas reißen als mit 6 von 60. Darum freuen wir uns über jede Unterstützung.

     

    KIM: Das klingt nach einem Kraftakt, gerade für eine kleine Gewerkschaft… ist das die Mühe wert?

    FAU: Das Thema ist zu wichtig, um beim ersten Misserfolg das Handtuch zu schmeißen. Anders als in Berlin hat Foodora z.B. von Anfang an in Italien auf Blockade geschaltet, aber die ItalienerInnen sind nach wie vor aktiv. In England gab es mehrere Protestwellen, in Belgien haben die Riders von alleine ihre Proteste mit den Streiks bei amazon koordiniert und in den Niederlanden begann auch 2018 mit Protesten in der Branche. Wir erleben hier durchaus gerade eine europäische Streikwelle – und Mannheim muss jetzt zeigen, dass es seinem Ruf als rote Arbeiterstadt auch unter den veränderten Bedingungen von Dienstleistisierung und Digitalisierung gerecht bleiben kann.

     

    Wie soll es denn konkret weitergehen?

    FAU: Am 11. Juni um 19.00 Uhr laden wir zu einer Diskussionsveranstaltung ins wildwest und können dort hoffentlich erste Erfolge der Ansprachen vorweisen – wir wollen dort aber auch allgemein die globale Situation vorstellen, mutmaßlich – mit Rücksicht auf die  Zusammensetzung der Riders im Großraum Mannheim/Ludwigshafen – auf englisch.

    Wir freuen uns aber natürlich, wenn bereits vorher Riders zu uns stoßen und diesen Prozess selber gestalten. Dafür können sie uns mailen unter fauma-sekretariat@fau.org, uns anrufen unter 0170-8493178 oder einfach am 2. oder 4. Freitag ab 19.15 Uhr zu unseren Treffen im wildwest, Alphornstr. 38, vorbeikommen. Die Einladung gilt natürlich auch für alle anderen, die sich daran beteiligen wollen.

    KIM: Warum sollten sich die Fooroda-Riders an euch wenden und nicht an die NGG?

    FAU: Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den Gewerkschaften des DGB und wir verstehen uns nicht als politische Richtungsgewerkschaft. Es gibt Kämpfe, die sich besser mit dem DGB führen lassen und Kämpfe, die sich besser mit uns führen lassen. In Münster z.B. hat die FAU die Foodora-FahrerInnen zu einem Treffen mobilisiert und das Ergebnis des Treffens war, dass die FahrerInnen mit der NGG einen Betriebsrat gründen wollten. Auch das ist ein gewerkschaftlicher Erfolg! Betriebsratsgründungen bei Foodora sind allerdings schwierig: Sowohl in Münster wie auch in Mannheim hat Foodora die lokalen Büros geschlossen und beharrt darauf, dass es lokal ja gar keinen Betrieb gäbe. Die NGG muss das in Münster jetzt gerichtlich durchboxen. Auch das ist ja eine Folge des Digitalisierungsprozesses: Der Betriebsbegriff muss völlig neu gefüllt werden. Unser Organisierungsverständnis ist völlig offen: Ob mit NGG, FAU oder völlig selbstständig – wir möchten diesen Prozess in jedem Fall fördern.

    Der Arbeitskampf kennt keine Grenzen!

    Gepostet von fauma4 am 21. April 2017

     

    Die FAU und ihre Schwestergewerkschaften stellen den 1. Mai 2017 unter das Motto „Der Arbeitskampf kennt keine Grenzen!“. Wir dokumentieren den bundesweiten Aufruf. Hier könnt ihr unser Mannheimer Flugblatt runterladen.

     

    Europaweit und darüber hinaus erstarken populistische Parteien und Bewegungen in einer Breite, wie wir es in den letzten Jahrzehnten nicht erlebt haben. Was macht diesen Populismus aus? Hinter der Ablehnung einiger Symbole der kapitalistischen Globalisierung, etwa von Freihandelsverträgen oder dem Euro, steckt ein Nationalismus, der die globalisierte kapitalistische Ausbeutung keineswegs in Frage stellt. Dieser Nationalismus spaltet was zusammengehört, und pfercht zugleich zu vermeintlichen Interessengemeinschaften zusammen, was in Wirklichkeit durch Klassengegensätze gespalten ist.

    Solidarität gegen Rassismus und Ausbeutung!

    Gerade Migrant*innen sind in besonderem Maße von Ausbeutung und Entrechtung betroffen. Durch die rassistische Migrationspolitik werden manche mit Arbeitsverboten belegt, manche auch mit Arbeitszwang. Andere haben keinerlei Aufenthaltspapiere und sind doch gezwungen, sich und ihre Familien durchzubringen. In illegalisierten Arbeitsverhältnissen können sie jedoch kaum ihre Rechte durchsetzen und sind der Willkür ihrer „Arbeitgeber“ ausgesetzt.

    Doch auch wenn die Jobs „legal“ sind, sind sie oft prekär: In Branchen wie Gastronomie, Reinigung, Pflege und Bau sind Arbeitsrechtsverstöße in Form von Scheinselbständigkeit, Lohndumping, „kalten“ Kündigungen und Lohnklau an der Tagesordnung. Die etablierten sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften zeigen jedoch nur begrenztes Interesse, (illegalisierte) Migrant*innen zu organisieren oder sie im Kampf um Bleiberecht und gegen rechtliche Hindernisse zu unterstützen. Vielmehr vertieft deren Fokus auf die Stammbelegschaften und Standortsicherung die sozialen Spaltungen, während sich die Spirale der Prekarisierung weiter dreht.

    Dagegen hilft nur eins: Lassen wir uns nicht gegeneinander aufhetzen – als „einheimische“ gegen „ausländische“ Arbeiter*innen, als regulär Beschäftigte gegen prekär Beschäftigte, als ein „Standort“ gegen die anderen –, sondern suchen wir das Verbindende im Kampf um bessere Lebensbedingungen und für eine Welt ohne Ausbeutung und Herrschaft!

    Migrant*innen brauchen kämpferische Gewerkschaften!

    Gegen die neuen Mauern an den Grenzen und in den Köpfen müssen wir uns zusammenschließen, um Solidarität und gegenseitige Hilfe zu organisieren – wie im Fall unserer Kollegen aus Rumänien, die auf der Baustelle des Einkaufszentrums Mall of Berlin unter skandalösen Arbeits- und Lebensbedingungen ausgebeutet, um Lohn betrogen und bedroht wurden: Die Organisierung in der FAU und der gemeinsame Arbeitskampf führten dazu, dass das Berliner Einkaufszentrum „Mall of Shame“ getauft und zum Symbol der migrantischen Ausbeutung in Deutschland wurde. So konnten wir das gesellschaftliche Klima der Hetze insbesondere gegen Arbeitsmigrant*innen aus Südosteuropa mit einem Beispiel von erfolgreichem Widerstand beantworten.

    Auch in den gegenwärtigen Bestrebungen, geflüchtete Menschen für unterbezahlte Arbeit zu verpflichten, sehen wir ein Zusammengehen von Ausgrenzung und Absenkung arbeitsrechtlicher Standards, das in der Konsequenz alle Arbeiter*innen negativ betrifft. Wir sollten hier als Arbeiter*innenklasse nicht nur für Bewegungsfreiheit aller Menschen, sondern auch gegen staatlich organisierte Ausbeutung kämpfen.

    Wir Arbeiter*innen brauchen kämpferische Gewerkschaften!

    In der internationalistischen Tradition des 1. Mai und des Anarchosyndikalismus rufen wir zur Solidarität mit migrantischen ArbeiterInnen auf. Protestieren und kämpfen wir gemeinsam gegen prekäre Arbeitsbedingungen, gegen kapitalistische Ausbeutung und gegen das rassistische Migrationsregime. Nur mit einer grenzüberschreitenden Gewerkschaftspraxis können wir uns gegen den Kapitalismus wehren. Zusammen werden wir Brücken bauen, wo andere Mauern errichten möchten!

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    Die zweite Seite der Ausbeutung

    Gepostet von fauma4 am 28. Januar 2015

    Mit Einführung der „Arbeitnehmerfreizügigkeit“ für die neuen EU-Staaten, vor allem Rumänien und Bulgarien, kommen zahlreiche Wanderarbeiter*innen nach Deutschland, um meist für Sub-Sub-Unternehmen oder als Werkverträgler*innen zu schuften. Nicht selten ist der Lohn nicht nur gering, sondern wird komplett vorenthalten: Aktuelle Beispiele dafür sind die Bauarbeiter, die das Studierendenwohnheim „Campo Novo“  in Freiburg gebaut haben, die Arbeiter*innen bei Fine Food in Emsdetten, der Hungerstreik von Bauarbeitern auf einer Baustelle in Preungesheim und der bundesweit bekannt gewordene Fall der Mall of Berlin.

    Die andere Seite dieser Überausbeutung ist das Geschäft mit den Wohn- bzw. Schlafgelegenheiten für die Arbeiter*innen: Frontal 21 berichtete am 27. Januar über die Situation in Wohnheimen: Für ein Bett zahlen die Arbeiter*innen 220 bis 280 Euro pro Monat für Sammelklos und „vergammelte Kochstellen“, in den Zimmern findet sich Schimmel und offenbar wurde auf Fluren wie auch (laut IG BAU) in den Zimmern eine Asbestbelastung entdeckt.

    Vermieter dieser Zimmer ist die „Wohnheime für Arbeiter Frankfurt-Mannheim GmbH“, die ihren Sitz in M2, 17a in Mannheim hat.