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    Organizing-Hinweise an mein früheres Ich

    Gepostet von fauma4 am 19. Juli 2019

    Den folgenden Beitrag haben wir aus dem insgesamt sehr empfehlenswerten US-amerikanischen und den Industrial Workers of the World nahestehendem Blog organizing.work übersetzt:

    Organizing-Hinweise an mein früheres Ich

    Der Autor, der anonym bleiben möchte, hat mehrere Jahre als Organizer für die größten US-Gewerkschaften im Öffentlichen Dienst gearbeitet, bevor er Lehrer in einer Großstadt wurde. Er organisiert sich mittlerweile mit seinen MitarbeiterInnen und SchülerInnen, vor allem für die Bildungsfinanzierung und Führerscheine für papierlose MigrantInnen.

    Ich habe darüber nachgedacht, welche Hinweise ich mir selber vor zehn Jahren gegeben hätte, um im Organizing aktiv zu werden. Ich habe viele Fehler gemacht und viel gelernt. Also: Hier ist das, was ich basierend auf meinen Fehlern und Erfahrungen zu sagen hätte. Ein paar Dinge, an die ich mich auch selber immer wieder erinnern muss, es ist nicht so, dass ich immer gut wäre in dem, was ich da mache.

     

    1. Organisiert euch für klare, erreichbare Ziele, die Maßstäbe haben und Möglichkeiten, den Erfolg zu prüfen. „Katharsis“ oder „Erhöhung der Awarness“ sind keine messbaren Ziele. Organisiert euch und die anderen für Dinge, die das Leben der Menschen verbessern.
    2. Es geht nicht darum, zu Aktionen, Protesten oder Kundgebungen zu gehen. Die können manchmal gut tun, aber es gibt eine Tendenz dazu, den Protest als „wenigstens etwas tun“ wahrzunehmen und von Aktion zu Aktion zu rennen.
    3. Hört auf die Meinungen der Leute. Hört den Menschen erst zu. Schaut euch an, wo sie stehen. Beachtet ihre Probleme. Spekuliert nicht, welche Meinungen oder Probleme die Leute haben könnten.
    4. Organisiert euch nicht nur mit Menschen aus den Subkulturen, Szenen und sozialen Gruppen, die euch nahe stehen. Das führt dazu, dass sich Menschen, die nicht Teil dieser Kultur sind, nicht eingeladen fühlen.
    5. Laßt euch nicht in megaideologische, dogmatische Zwistigkeiten verwickeln. Die Menschen scheren sich nicht um kleine Zankereien darüber, was 1936 passiert ist oder eurer Spaltung von und mit wem auch immer. Das ist als Hobby interessant, die Theorie und Geschichte, und vielleicht auch informativ und inspirierend, aber die Linke ist zu besessen von der Ideologie als Identität. Präsentiert eure Methodik durch die Art, wie ihr euch organisiert.
    6. Respektiert den kollektiven Prozess. Arbeitet Meinungsverschiedenheiten gemeinsam durch. Plant Dinge kollektiv.
    7. Klopft an Türen, führt Telefonate, kontaktiert die Menschen. Benutz keine virtuellen („sozialen“) Medien für die Organisierung.
    8. Seid konsequent. Wie der Trommelschlag. Seid pünktlich. Tut das, von dem ihr gesagt habt, dass ihr es machen werdet.
    9. Schreibt die Leute nicht ab, weil sie zu irgendetwas eine abweichende Position haben. Laßt die Leute nicht alleine und vergesst sie nicht. Die Leute sind nicht entbehrlich.
    10. Sprecht nicht die Menschen im Raum an, die bereits eine Autoritätsposition haben. Organizer gehen zu oft in einen Raum und setzen bei den Leuten an, die schon relativ viel Macht haben.
    11. Die Macht liegt in den Werkshallen, nicht in den Sitzungsräumen. Organisiert von unten nach oben.
    12. Fragt nicht um Erlaubnis.
    13. Seid nah dran an den ArbeiterInnen.
    14. Baut die Organizing-Fähigkeiten von SchülerInnen und Studierenden auf. Sprecht mit SchülerInnen wie mit Erwachsenen, auch wenn ihr euch bewußt seid, dass ihr LehrerInnen seid, denn es geht darum, echte Beziehungen einzugehen. Laß‘ sie lachen.
    15. Habt keine Angst, anderer Meinung zu sein, aber macht euch nichts draus.
    16. Bezieht die Menschen mit ein und lasst sie sich willkommen fühlen, nähert euch ihnen, fragt, wie es den Kindern geht und so Sachen.
    17. Kümmert euch nicht in erster Linie um die Ausstattung der Organisation. Poster, Newsletter und virtuelle Medien sind toll, aber ihr bekommt keinen Nachtisch, wenn ihr euer Gemüse nicht gegessen habt.
    18. Organisiert die Arbeiterklasse, nicht die Linke.

    Quelle: http://organizing.work/2019/07/organizing-advice-i-would-have-given-myself-ten-years-ago/

    Übersetzung: Allgemeines Syndikat Mannheim

     

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    [Die Pflegeexperten] Kündigung des IWW-Kollegen Harald Stubbe nach Engagement gegen erschreckende Arbeitsbedingungen in der mobilen Pflege

    Gepostet von fauma4 am 26. Januar 2017

    http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2016/06/soli-rund-web.pngSolidarität gefragt! (LabourNet Germany)

    Nach zweijähriger Arbeit beim mobilen Pflegedienst „Die Pflegeexperten“ in Frankfurt am Main wird Harald Stubbe fristlos gekündigt.  Der Kollege versucht bei dem 8 köpfigen Unternehmen einen Betriebsrat zu gründen, wurde dann aber mittels massiver, illegaler Behinderung und Drohungen durch die Geschäftsführung anschließend gekündigt. Das Vorgehen des Unternehmens ist für sich genommen bereits ein Skandal, steht jedoch auch stellvertretend für die Praktiken in der Branche. So berichtet Harald Stubbe: “Ich habe Windeln gewechselt, habe Insulin und Klexan oder Marcumar gespritzt, habe Verbände gewechselt und Wundversorgung gemacht. Künstliche Ernährung angelegt und Medikamente in eine Magensonde gespritzt oder die Beutel an künstlichen Darmausgängen gewechselt. Einiges hab ich mir aus YouTube-Videos angelernt.”…” Aus der Presseerklärung der Industrial Workers of the World Frankfurt am Main vom 24. Januar 2017 (per e-mail). Harald Stubbe hat Kündigungsschutzklage eingereicht und zudem mannigfaltige Vergehen angezeigt. IWW klagt wegen Behinderung der BR Wahl. Weitere Ermittlungen gibt es beim Bauamt, Finanzamt und der Berufsgenossenschaft… Siehe dazu einen Bericht des betroffenen Kollegen im Beitrag, darin auch Protest- und Solidaritätsadressen, zu denen wir aufrufen!

    Proteste bitte an: Die Pflegeexperten
    Maßbornstraße 37, 60437 Frankfurt
    Tel: 069-551577 / Fax: 069-48982996 / info@pflege-experten24.de

    Solibekundungen sind erbeten an: organizing@wobblies.org

     

    Die Pflegeexperten – Pflegedienst in der mobilen Altenpflege mit 8 MitarbeiterInnen

    Pflegeexperten? Als ich im März 2015 in dem Laden angefangen habe, hatte ich von Pflege keine Ahnung. Heute fast zwei Jahre später ist das weitestgehend noch immer so. „Kein Problem“, sagte die Chefin, „ich zeige ihnen das.“ Ich bin also einen Tag mit ihr mitgefahren und hab zugesehen, was sie macht. Dann bin ich noch einen Tag mit einer Kollegin mitgefahren und hab auch selbst Hand angelegt. Damit war meine Ausbildung zu Ende. Ich war jetzt Pflegeexperte. Von da an habe ich alte und kranke Menschen betreut. Darunter auch Sterbende. Ich habe Windeln gewechselt, habe Insulin und Klexan oder Marcumar gespritzt, habe Verbände gewechselt und Wundversorgung gemacht. Künstliche Ernährung angelegt und Medikamente in eine Magensonde gespritzt oder die Beutel an künstlichen Darmausgängen gewechselt. Einiges hab ich mir aus YouTube-Videos angelernt. Hab mir auch Bücher über Pflege und den Umgang mit Dementen besorgt. Was mich von Anfang an gestört hat, war, dass der Dienstplan erst 2 Tage vor dem neuen Monat ausgehangen hat. Auch dass es oft nur 4 freie Tage im Monat gab, war extrem belastend. Ich bin 61 Jahre alt. Nach einem Jahr war mein befristeter Vertrag ausgelaufen und ich habe mir eine andere Arbeit gesucht. Da hat man mir dann mehr Geld geboten, wenn ich bleibe. Habe mir dann im Arbeitsvertrag versichern lassen, dass ich 6 freie Tage mindestens habe und dass der Dienstplan am 15. des Vormonats aushängen muss.

    Bis dahin hatte ich immer nur Spätdienst. Jetzt wurde ich auch zum Frühdienst eingeteilt. Klasse war es, wenn ich um 10 Uhr mit dem Spätdienst fertig war und morgens um 5 Uhr zum Frühdienst wieder raus musste. Auch musste ich gelegentlich 14 Tage ohne freien Tag durcharbeiten. Musste immer mehr Leistungen erbringen, die nach meinem Wissen nur examinierte Leute machen dürfen. Andere waren auch unzufrieden. Warteten auf ihr Geld, hatten wenig frei usw. Ich selbst habe mal fast ein Jahr auf meine Reisekostenabrechnung gewartet. Das Geld für meinen Bausparvertrag, das mir jeden Monat vom Nettolohn abgezogen wurde, ist bis heute nicht eingegangen. Seit über einem Jahr. Also musste sich etwas ändern. Nachdem der Urlaubsplan für 2017 erstellt wurde und kaum jemand dann Urlaub bekommen hat, wie er wollte, war es soweit. Zusammen mit zwei Kollegen haben wir zur Wahlversammlung zur Wahl eines Wahlvorstandes für die Betriebsratswahl eingeladen. Bei der Wahlversammlung wurden die Einlader von einem Herrn massiv mit Kündigung bedroht. Er hat herumgeschrieen und versucht, die KollegInnen einzuschüchtern. Meine Gewerkschaft IWW (Industrial Workers of the World) hat gegen ihn Klage wegen Behinderung der Betriebsratswahl eingereicht. Trotzdem haben wir am 16.01.2017 einen Betriebsrat gewählt. Leider haben sich Kolleginnen so einschüchtern lassen, dass eine Vertraute der Geschäftsleitung gewählt wurde. Ich selbst wurde zum Ersatzmitglied gewählt. Damit hätte ich leben können. Sind ja 2018 schon wieder Wahlen. Da sich durch die Wahl der Kollegin, die denkt, Pflegedienstleiterin in dem Betrieb zu werden, nichts zum Vorteil ändert, waren die Chancen gut, dass ich dann gewählt werde.

    Am Mittwoch, den 18.01.2017, klingelte es jedoch abends an der Tür. Die Chefin des Ladens stand vor der Tür mit einem Zeugen und hat mir die fristlose Kündigung überreicht. Natürlich werde ich dagegen klagen und hoffe auf die Solidarität meiner GewerkschaftskollegInnen und aller kämpfenden ArbeiterInnen in Deutschland und anderswo.

    Harald Stubbe

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