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    Current News about #deliverunion

    Gepostet von fauma4 am 7. Juni 2018

    NEW! Our Survey for Riders in English and German – please take a few minutes to answer the questions. It will help us to work together with you to improve your living and working conditions. The survey is anonymous. We neither save any personal data nor do we transfer any information to third parties. You can send the survey to FAU Mannheim, c/o wildwest, Alphornstr.38, 68169 Mannheim or send it via e-mail to fauma-sekretariat[at]fau.org. You are also welcome to bring the survey to our meetings on the 2nd or 4th Friday of the month after 7.30 p.m.

    Hint for Riders: An open bycicle-repair-workshop on every second Sunday of the month you find here: Fahrrad-Werkstatt im JUZ

    The Kommunalinfo Mannheim made an interview with us about #deliverunion: „Hier sehen wir die Arbeitskämpfe der Zukunft“

    On Wednesday we had a info table at the Paradeplatz in the hot sun:

     

    “Hier sehen wir die Arbeitskämpfe der Zukunft”

    Gepostet von fauma4 am 5. Juni 2018

    Interview mit der FAU Mannheim zum Organizing bei Foodora

    Seit 2016 finden sich immer wieder Berichte von Protesten sogenannter „Riders“, Essenslieferanten von Firmen wie Foodora oder Deliveroo, in den Medien. Besonders stechen dabei in Deutschland die Proteste in Berlin hervor, die durch die dortige FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union) organisiert werden. Dieses Engagement fand u.a. Würdigung durch die IG Metall-Vizevorsitzende Christiane Benner. Auch das Mannheimer Syndikat (so nennt sich in der FAU die lokale Gewerkschaft) möchte diesen Kampf aufnehmen. Wir sprachen mit dem lokalen Gewerkschaftssekretär Teodor Webin.

    KIM: Vorab: Nicht jedem wird bekannt sein, was die FAU ist. Kannst du kurz erklären, was ihr macht?

    FAU: Die FAU gibt es in Deutschland seit 1977. Entstanden ist sie aus der Tradition des ‚Anarchosyndikalismus’ und explizit der Vorgängerorganisation FAUD in der Weimarer Republik. Den konkreten Anlass gaben in den 1970ern aber vor allem spanische GastarbeiterInnen, die in der CNT organisiert waren, die weit größer war als die FAUD. Grundsätzlich verstehen wir uns als Gewerkschaft, die durch ihren Kampf für bessere Arbeitsbedingungen der Lohnabhängigen auch den Gegensatz zwischen ArbeiterInnen und Unternehmen überwinden will, d.h. eine postkapitalistische Gesellschaft anstrebt. Letzteres unterscheidet uns sicherlich von den Gewerkschaften des DGB. Außerdem sind wir föderal von unten nach oben strukturiert.

    KIM: Zum Thema –  Seit einiger Zeit habt ihr MitarbeiterInnen von Foodora konkret angesprochen. Warum?

    FAU: Das Thema wurde für uns relevant, als wir im Juli 2017 von einem gekündigten Mitarbeiter angesprochen wurden. Der wesentlichere Grund für uns war aber, dass sich mit „DeliverUnion“ europaweit ein Netzwerk gegründet hat, an dem verschiedene Basisgewerkschaften teilnehmen. Die Erfolge der FAU Berlin – vor allem die anfängliche Gesprächsbereitschaft des Unternehmens und die Zahl der engagierten Riders von Foodora und Deliveroo – haben uns motiviert, hier auch aktiv zu werden. In Deutschland gab und gibt es entsprechende Organizing-Versuche z.B. in Hamburg, Leipzig, Münster und Frankfurt, Karlsruhe und Nürnberg beginnen gerade mit ähnlichen Projekten. Die „aktion arbeitsunrecht“ hat am 13. April Deliveroo zum Ziel ihrer „Schwarzer Freitag“-Kampagne gemacht.

    Wir haben damit gerechnet und rechnen auch weiter damit, dass wir eine ähnliche Motivation wie in Berlin auch bei den Mannheimer Riders finden – vor allem deswegen, weil es ja eine Menge Berichterstattung dazu gab und wir vermuten, dass die lokalen Riders entsprechend informiert sind – zumal wir ja von Menschen reden, die notwendigerweise gut digital vernetzt sind. Kürzlich hat das NTM uns noch mal befeuert: In der aktuellen Inszenierung von Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ des Regisseurs Volker Lösch hat die DeliverUnion-Kampagne einen prominenten Platz gefunden.

    KIM: Abgesehen von der Öffentlichkeit – was macht Foodora zum Ziel gewerkschaftlichen Organizings?

    FAU: Es gibt natürlich auch ganz praktische Erwägungen. Z.B., ganz einfach: Foodora-ArbeiterInnen sind in der Öffentlichkeit sofort erkennbar. Man muss nicht überlegen, wie man auf ein Betriebsgelände kommt oder vor dem Betriebsgelände grübeln ‚Gehört die jetzt dazu oder nicht?’ Der erste Rider, mit dem ich persönlich z.B. gesprochen habe, stand einfach vor der Haustür, weil er einen Nachbarn beliefert hat. Wenn man dann noch verstanden hat, dass es die sogenannten ‚Hubs’ gibt, an denen sich die Riders mit ihrem Smartphone zur Arbeit einloggen und ungefähr weiß, wann die Stoßzeiten sind, wird das ein Selbstläufer. Wobei hier nicht alles so einfach ist: Die KollegInnen sind zwar dadurch einfach ansprechbar, haben aber nie viel Zeit für ausführliche Gespräche.

    Dazu kommt aber vor allem eins: Die Konflikte bei Foodora erscheinen uns symptomatisch für die Arbeitskämpfe der Zukunft – ähnlich wie vielleicht sonst nur bei amazon. Wir reden hier darüber, wie die Digitalisierung die Arbeitswelt verändert und damit bestimmte Themen setzt – die Arbeitszeiten (Flexibilisierung), die Art der Arbeit (Homeoffice, Abrufbarkeit, On Demand-Produktion) und das Arbeitsverhältnis (Soloselbstständigkeit, Werkverträge und Leiharbeit) selbst. Bei amazon z.B. wird die Zukunft von Tarifverträgen im Einzelhandel entschieden, darum ist das so ein harter Kampf. Werden wir jetzt bei den Food Deliveries tätig, dann deswegen, um Verschlimmerungen in der Arbeitswelt von morgen ganz allgemein zu verhindern. Alle Gewerkschaften müssen den aktuellen Prozessen frühzeitig einen Riegel vorschieben.

    KIM: Wie erfolgversprechend ist das?

    FAU: Das wird in jedem Fall ein harter Kampf, amazon zeigt das. Dass die Streiks dort so langwierig sind, liegt ja nicht vorrangig daran, dass amazon eine besonders kämpferische Belegschaft hätte, sondern daran, dass sich das Unternehmen als unnachgiebiger Gegner erweist. Man kann aber nicht mehr zurück, wenn man diesen Kampf einmal aufgenommen hat. Auch bei den Riders ist das letztlich nicht anders: Foodora war zwar in Berlin zu Gesprächen bereit, Deliveroo aber hat jede Kommunikation verweigert. Und auch bei Foodora gewinnt man mittlerweile den Eindruck, dass die Gesprächsbereitschaft eine reine Hinhaltetaktik war. Deswegen sind die BerlinerInnen wieder dazu übergegangen, öffentlichen Protest zu organisieren um den Druck zu erhöhen. Wenn wir nun in anderen Städten ebenfalls mit der Organisierung der Riders beginnen, erhöht das auch den Druck in Berlin, die Verhandlungen wieder aufzunehmen.

     

    KIM: Wie geht ihr konkret vor, wenn ihr die MitarbeiterInnen von Foodora ansprecht?

    FAU: Weil wir nur kurze Zeitfenster haben, bleibt der Erstkontakt auf das Wesentliche beschränkt. Wir wollen natürlich wissen, welche Probleme sie konkret haben. Man hört dann auch manchmal ‚keine’, und dann heißt es Nachhaken – denn Arbeitsplätze ohne Probleme gibt es nicht. Bislang haben wir dann vor allem unsere Kontaktdaten vergeben und zu einem Treffen eingeladen. Dieses Treffen sollte zu einem ersten ausführlichen Austausch dienen. Zu einem ersten Treffen ist keiner gekommen, aber wer mal versucht hat, Belegschaften zu organisieren, weiß, dass das nicht ungewöhnlich ist. Wir lassen uns dadurch nicht entmutigen und starten aktuell einen neuen Anlauf. Dabei freuen wir uns über weitere MitstreiterInnen.

    Wir haben dabei natürlich andere Ausgangsbedingungen als z.B. in Berlin: Wir reden in Berlin von 1.000 Beschäftigten, von denen rund 100 aktiv sind – und einige Aktive sind von sich aus zur FAU gekommen. In Mannheim reden wir von etwa 70 MitarbeiterInnen, die wir von außen motivieren wollen, etwa 20% der Beschäftigten haben wir in der ersten Phase angesprochen. Es ist aber durchaus möglich, dass die Belegschaft mittlerweile komplett ausgetauscht ist. Und: Ich kann mit 100 von 10.000 MitarbeiterInnen eher etwas reißen als mit 6 von 60. Darum freuen wir uns über jede Unterstützung.

     

    KIM: Das klingt nach einem Kraftakt, gerade für eine kleine Gewerkschaft… ist das die Mühe wert?

    FAU: Das Thema ist zu wichtig, um beim ersten Misserfolg das Handtuch zu schmeißen. Anders als in Berlin hat Foodora z.B. von Anfang an in Italien auf Blockade geschaltet, aber die ItalienerInnen sind nach wie vor aktiv. In England gab es mehrere Protestwellen, in Belgien haben die Riders von alleine ihre Proteste mit den Streiks bei amazon koordiniert und in den Niederlanden begann auch 2018 mit Protesten in der Branche. Wir erleben hier durchaus gerade eine europäische Streikwelle – und Mannheim muss jetzt zeigen, dass es seinem Ruf als rote Arbeiterstadt auch unter den veränderten Bedingungen von Dienstleistisierung und Digitalisierung gerecht bleiben kann.

     

    Wie soll es denn konkret weitergehen?

    FAU: Am 11. Juni um 19.00 Uhr laden wir zu einer Diskussionsveranstaltung ins wildwest und können dort hoffentlich erste Erfolge der Ansprachen vorweisen – wir wollen dort aber auch allgemein die globale Situation vorstellen, mutmaßlich – mit Rücksicht auf die  Zusammensetzung der Riders im Großraum Mannheim/Ludwigshafen – auf englisch.

    Wir freuen uns aber natürlich, wenn bereits vorher Riders zu uns stoßen und diesen Prozess selber gestalten. Dafür können sie uns mailen unter fauma-sekretariat@fau.org, uns anrufen unter 0170-8493178 oder einfach am 2. oder 4. Freitag ab 19.15 Uhr zu unseren Treffen im wildwest, Alphornstr. 38, vorbeikommen. Die Einladung gilt natürlich auch für alle anderen, die sich daran beteiligen wollen.

    KIM: Warum sollten sich die Fooroda-Riders an euch wenden und nicht an die NGG?

    FAU: Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den Gewerkschaften des DGB und wir verstehen uns nicht als politische Richtungsgewerkschaft. Es gibt Kämpfe, die sich besser mit dem DGB führen lassen und Kämpfe, die sich besser mit uns führen lassen. In Münster z.B. hat die FAU die Foodora-FahrerInnen zu einem Treffen mobilisiert und das Ergebnis des Treffens war, dass die FahrerInnen mit der NGG einen Betriebsrat gründen wollten. Auch das ist ein gewerkschaftlicher Erfolg! Betriebsratsgründungen bei Foodora sind allerdings schwierig: Sowohl in Münster wie auch in Mannheim hat Foodora die lokalen Büros geschlossen und beharrt darauf, dass es lokal ja gar keinen Betrieb gäbe. Die NGG muss das in Münster jetzt gerichtlich durchboxen. Auch das ist ja eine Folge des Digitalisierungsprozesses: Der Betriebsbegriff muss völlig neu gefüllt werden. Unser Organisierungsverständnis ist völlig offen: Ob mit NGG, FAU oder völlig selbstständig – wir möchten diesen Prozess in jedem Fall fördern.

    Kurzdossier: Die „Neue Rechte“ ( und Rechtsextreme!) im Betrieb

    Gepostet von fauma4 am 7. März 2018

    2018 ist betrieblich gesehen Superwahljahr – in zahlreichen Betrieben werden neue Betriebsräte gewählt. Die Zeitschrift „Compact“ des ehemaligen Anti- und jetzt Ultradeutschen Jürgen Elsässer, die den „Identitären“ nahestehende Initiative „Ein Prozent für unser Land“ und die patriotische Plattform der AfD haben gemeinsam die Kampagne „Werde Betriebsrat!“ gegründet, um die Betriebsräte von rechts zu unterwandern.

    Die ersten Betriebsratswahlen sind mittlerweile gelaufen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 04. März 2018 über die neurechten Betriebsratsmitglieder bei Benz, die bereits gewählt wurden.

     Hintergründe

    Ein ausführliches und stetig aktualisiertes Dossier zu diesem Thema bietet labournet. Der DGB Rheinland-Pfalz-Saarland hat dankenswerterweise alle Gruppen aus dem Spektrum gelistet.

    In der Zeit vom 14.02.2018 findet sich zum Thema ein Interview mit Klaus Dörre.

    Infos von links unten

    Bereits im Januar 2018 titelte die Jungle World „Die blaue Garde des Proletariats“ . Auch der express widmet dem Thema in seiner aktuellen Ausgabe mehrere Artikel, die dankenswerterweise auch alle online dokumentiert sind. Der „arbeiterkampf“ (äh… „analyse und kritik“) widmet dem Thema einen ausführlichen Beitrag und die wildcat stellt (leider nicht online) die Frage nach rechten Kolleg*innen.

    Die Stuttgarter Initiative Klassenkampf hat einen Faktencheck zur der rechtsextremen Liste „Zentrum Automobil“ herausgegeben.

    Infos aus der FAU

    das Postdamer Syndikat der FAU hat sich in einem Flugblatt ausführlich mit dem „Alternativen Arbeitnehmerverband Mitteldeutschland“ beschäftigt.  In der Direkten Aktion ist bereits Anfang Januar ein ausführlicher Artikel zum Thema erschienen, der im Februar durch ein Interview mit einem Betriebsratsmitglied ergänzt wurde.

    Zwischenfazit

    Rechte Listen bei Betriebsratswahlen gab es auch zuvor schon, rechte Kolleg*innen sowieso. Gerne nehmen wir das Erscheinen vermehrter rechter BR-Listen aber zum Anlass, um auch in den Betrieben klare Kante gegen rechts zu zeigen! Unsere Belegschaften und unsere ganze Klasse sind zum Glück multikulturell zusammengesetzt und die Solidarität kennt keine Beschränkungen. Wer nicht für ein erfundenes Volk, sondern für seine Kolleginnen und Kollegen kämpfen will, kann nur für alle zusammen eintreten. Wir halten es mit Karl Marx:

    Die Arbeiter haben kein Vaterland.

    Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.

    Wir sind stolz und bewusst „vaterlandslose Gesellen“!

    Von der Regierungskrise zum Bewegungserfolg? Zur Dialektik des Klassenkampfes in Frankreich

    Gepostet von fauma4 am 22. Juni 2016

    Den folgenden Beitrag über die französische nuit debout-Bewegung von David Döll und Bernard Schmid haben wir von http://autonomieentwurf.blogspot.de/ übernommen:

    http://www.voltairenet.org/local/cache-vignettes/L400xH567/1_-_1-303-8b419.jpgDie Nacht der Proletarier*innen ist also gekommen. Die Bewegung steht nun vor der Herausforderung wie sie ihre Heterogenität produktiv zu einer gemeinsamen politischen Artikulation bringt, der über den Kampf der Gewerkschaften hinausgeht. Dafür braucht es eine strategische Diskussion. Diese hoffen wir mit diesem Debattenbeitrag [der am 3.6. auch auf dem Bewegungsblog des Neuen Deutschland erschien] zu öffnen.

    Mit den Aufrufen zum unbefristeten Streik hat die Bewegung gegen das »Loi Travail und seine Welt« in Frankreich ein neues Kampfniveau erreicht. Die Streiks und Blockaden in zentralen Logistikbranchen öffnen zum ersten Mal eine Problemstellung, welche die bisherige »Aufstandsbekämpfung der Regierung« ernsthaft an ihre Grenzen bringt. Für den nächsten großen Aktionstrag am 14. Juni könnte sich nun die ausgerufene Komplett-Blockade im Großraum Paris als springender Punkt im Klassenkonflikt erweisen. Die abendliche Nuitdebout-Besetzung hat sich mit einer morgendlichen Streikblockade verbunden, die Regierungskrise verschärft sich täglich, und unter dem Beton der französischen Raffinerien liegt nun vielleicht der Schlüssel für den Bewegungserfolg.

    Das Ende des demokratischen Scheins

    Die Strategie der parlamentarischen Opposition war vergeblich. Manche GegnerInnen des »Arbeitsgesetzes« in Frankreich, das für die Lohnabhängigen einen ungeheuren Rückschritt bedeuten wird, hatten auf Abgeordnete vom linken Flügel der Sozialdemokratie gesetzt. Nachdem die Regierung mit dem Verfassungsartikel 49-3 die parlamentarische Sachdebatte ausgehebelt hatte, war der Misstrauensantrag gegen die Regierung die letzte Möglichkeit, um die Arbeitsreform im Parlament aufzuhalten. Im entscheidenden Moment stand die Parteiräson den so genannten linken SozialdemokratInnen allerdings näher als das Anliegen, den Gesetzentwurf zu stoppen.

    Die Kritik innerhalb des regierenden Parti Socialiste (PS) und die Angst der Regierung vor einer Parlamentsdebatte zeigten jedoch die Krise der Regierung und deren autoritäres Staatsverständnis: François Hollandes »neue Kleider« bestehen nur noch in dem Ziel, als Präsident der unpopulären Reformen in die Geschichte eingehen zu wollen. Die Aussage von Regierungschef Valls, einen von der Nationalversammlung angenommen Text durchsetzen zu müssen, ist im Angesicht der Anwendung des Verfassungsartikels 49.3 eine argumentatorische Bankrotterklärung. Im Klartext lässt die »sozialdemokratische Regierung« lieber die Polizei mit Blendgranaten auf DemonstrantInnen schießen als eine nach bürgerlichem Verständnis »demokratische« Debatte im Parlament zu führen.

    Auf dem Weg zu einer wahren Massenmilitanz

    Vergebens zeigt sich zweitens die Strategie, alleine durch militante Aktionen von mehr oder minder isoliert agierenden Kleingruppen den Gesetzentwurf aufhalten zu können. Gewiss geht es dem politisch bewussten Teil in diesem »antagonistischen Block« durchaus ums kapitalistische Ganze. Doch aus einer strategischen Perspektive ist die Klammer des Kampfes gegen das Loi travail momentan unerlässlich, während militante Kleingruppen sich für solche »Details« erklärtermaßen weniger interessieren.

    Wo der nihilistische Militanz-Fetisch stumpf die Bewegung spaltet, liegt das befreiende Element gerade in der massenhaften Aufnahme von vermittelbaren Widestandsprakitken, die für einen Großteil der bürgerlichen Bewegung noch vor zwei Monaten undenkbar gewesen wären. Der entscheidende Zug besteht hier gerade nicht in der illusorischen Vorstellung, die Polizei im Feld schlagen zu können, sondern in der kollektiven Selbstformierung des aufbegehrenden Subjekts.

    Für eine Bündelung der Kämpfe an den kritischen Stellen

    Eine Auflösung des Dilemmas, zwischen einer Strategie einer parlamentarischen Opposition und der bloßen Steigerung der Militanz ist jedoch möglich. Unsere Meinung nach liegt sie in einer Aufhebungen dieser Teilaspekte durch die Strategie der Bündelung der Kämpfe [convergence des luttes], die konsequenterweise auch das Nebeneinander der verschiedenen Akteure und Aktionsformen in ein sinnvolles Verhältnis zueinander setzten muss.

    Der besetzte Platz dient gleichzeitig als demokratische Legitimierung und Politisierungsfeld, die wilden Demonstrationen führen über eine wahrhafte und wehrhafte Massenmilitanz zum kollektiven Bruch mit dem Bestehenden, die gewerkschaftlichen Streiks fordern mir ihren materiell-ökonomischen Angriffen die Infrastrukturen des Staates heraus. In ihrem Zusammenkommen in der vielschichtigen und multiplen Blockade, im Zusammenkommen des zivilen und militanten Ungehorsams, kann sich derzeit die Dialektik des Klassenkampfes an den neuralgischen Punkten der Energieinfrastruktur entfalten.

    Die Blockaden der Öl-Raffinerien wurden zwar militärisch geräumt, dem Streik der ArbeiterIinnen in den Raffinerien konnte das indes keinen Abbruch schaffen, der Treibstoff wird immer knapper. Zudem werden 16 der 19 Atomkraftwerk bestreikt, landesweit kam es bereits zu temporären Stromausfällen. Der Verbandspräsident der kleinen und mittelständischen Unternehmen (CGPME) Francois Asselin erklärte, dass bei einer Befragung 70 Prozent der UnternehmerInnen angaben, ihre Firmen bis Ende dieser Woche schließen zu müssen, wenn die Streiks und die Blockaden der Raffinerien bis dahin weitergehen. Neben dem Fernverkehr wird ab dem 1. Juni auch der Nah- und Flugverkehr bestreikt, der Auftakt der Fußball-Europameisterschaft am 10. Juni wird die Regierung zusätzlich Zugzwang setzen.

    Das Zeichen für einen dritten gesellschaftlichen Block

    Nur wenn sich die verschiedenen Akteure als Teil einer gemeinsamen antikapitalistischen Bewegung verstehen, kann es eine effektive Verbindung in Richtung eines emanzipatorischen Projekts geben. Das »Tout le monde déteste la police« (»Alle verachten die Polizei«) – so richtig und wichtig dieser Slogan in einem Moment des Kampfes gewesen sein mag war – muss in ein »Toute L’europe déteste l’austerité« (»Ganz Europa hasst Austerität«) aufgehoben werden.

    Dabei kann sich indes nicht auf die Gewerkschaften verlassen werden: Blockaden und Streiks öffnen nur den Horizont, in dem ein linker gesellschaftlicher Block seine politische Form annehmen kann. Mit der Artikulation der Proteste gegen das geplante »Arbeitsgesetz« – »und gegen seine Welt« – wie die französischen Protestierenden skandieren, ist dafür die Kampagne auf französischer Seite schon vorgezeichnet. Entsprechende, inhaltlich ähnliche oder parallele Vorhaben gibt es in nahezu allen EU-Ländern, wie das bereits verabschiedete »Arbeitsgesetz« der Rechtsregierung in Spanien, den so genannte Jobs Act unter Matteo Renzi oder den »Peters-Gesetz« genannten aktuellen Gesetzentwurf in Belgien.

    In der Ablehnung der herrschenden neoliberalen Agenda einerseits und mit dem Aufbegehren gegen die nationalistische Regression andererseits, kämpft die Bewegung in Frankreich derzeit an der geoökonomisch nördlichsten Front für das Projekt eines »dritten gesellschaftlichen Blocks« in Europa.

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    „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht.“ – Interview mit Peter Novak

    Gepostet von fauma1 am 14. Juli 2015

    Für die kommende Ausgabe der Direkten Aktion interviewten wie Peter Nowak, den Herausgeber des Buches Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken. Leider kann dieses Interview dort nur in gekürzter Form erscheinen. Wir möchten aber die herausgestrichenen Teile nicht gerne einfach unter den Tisch fallen lassen, daher bringen wir das Interview nun an dieser Stelle in voller Länge.

    Peter ist übrigens im September auf Lesereise, und wird am 17. September auch in Mannheim Station machen um uns das genannte Buch persönlich vorzustellen!

    Demnächst erscheint das von Dir herausgegebene Buch „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken.“ Darin werden Streiks außerhalb des klassischen Fabrik- und Gewerkschaftsumfelds dargestellt, vor allem in bislang als schwer organisierbar geltenden Sektoren. Siehst Du darin einen allgemeinen Trend, oder bleiben dies lobenswerte Einzelfälle?

    Peter Nowak: Oft sind diese Streiks noch Einzelfälle, aber sie deuten eine Tendenz an. Die Beschäftigten in den schwer zu organisierenden Branchen machen die Erfahrung, dass sie oft frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind und dass all das Gerede über familiäre Arbeitsverhältnisse und flache Hierarchien diese Ausbeutungsverhältnisse nur mühsam ideologisch verschleiern. Sehr deutlich wird dass am Arbeitskampf in einem Berliner Spätkauf, den ich im Buch vorstelle. Er ging für den Beschäftigten erfolgreich aus und er erstritt sich mit Hilfe der FAU eine Lohnnachzahlung. Doch dies war nur möglich, weil der Arbeitskampf auch als politische Auseinandersetzung öffentlich geführt wurde.
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