Dossier „Digitalisierung der Arbeitswelt“

I. Einführung

Die Medien und das Netz sind voll davon: Angeblich steht uns eine vierte „industrielle Revolution“ bevor oder ist sogar bereits in vollem Gange. Die erste industrielle Revolution bezeichnet die Zeit, in der im Frühkapitalismus die Mechanisierung Einzug erhielt, als zweite wird die Einführung des Fließbands („Fordismus“) definiert, die dritte geht einher mit der Einführung der Mikrochips und damit Computerisierung und Robotisierung.

Die nun angeblich stattfindende „Industrialisierung 4.0“ ist definiert als „Smartifizierung“ oder „Digitalisierung“ von Fabrik und Dienstleistung. Das „revolutionär“ Neue soll sein: Dank interaktiver neuer Technologien soll die Maschine auf den/die Arbeiter*in eingehen können, dem Menschen von sich aus sagen können, was sie benötigt und dem/der Arbeiter*in im Zweifelsfall auch sagen können, was er/sie machen soll. Wir kennen das von Kühlschränken, die selbstständig Nachschub online bestellen oder Heizungen, die sich von außerhalb der Wohnung per Smartphone regulieren lassen.

Die Auswirkungen in der Arbeitswelt sind vielfältig: Von der Schichtplanung via App über die noch detailliertere Zerstückelung von Arbeitsschritten bis hin zur online-basierten Crowdwork und einer „Sharing-Economy“ wie sie Uber, AirBnB oder Foodora zur Kapitalgewinnung nutzen, reichen die Einsatzmöglichkeiten. Dabei wird gerne übertrieben und auch wild spekuliert, was Chancen und Gefahren betrifft. Ob es überhaupt legitim ist, von einer neuen industriellen Revolution zu reden, ist schon fragwürdig. Wahrscheinlicher ist: Nach der noch nicht ausgestandenen Vielfachkrise seit 2007 fehlt dem Kapitalismus eine Basisinnovation, mit der er sich erneuern könnte. Das Schlagwort „Industrialisierung 4.0“ wurde entworfen und in Umlauf gebracht, um den Anschein zu erwecken, die Marktwirtschaft würde sich erholen – sie ist weiter davon entfernt, als jemals zuvor. Matthias Becker hat in seinem Buch „Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im digitalen Kapitalismus?“ nicht nur herausgearbeitet, wie sich die Arbeitswelt durch diese Prozesse tatsächlich verändert, sondern auch, wo der Begriff und die Neuerungen gezielt eingesetzt werden, um uns eine industrielle Umwälzung vorzugaukeln.

Aus Gewerkschafts- und proletarischer Sicht ist, wie auch in der vorherigen „industriellen Revolutionen“ die Frage nach dem Abbau von Arbeitsplätzen eine der zentralen Sorgen, die sich mit dem Schlagwort verbinden. Zwar haben bisherige technische Innovationen nie zu einer steigenden Arbeitslosigkeit geführt, sondern lediglich zu einer Umschichtung der Arbeit (zuletzt: von der Industrie in die Dienstleistung), eine der ersten Studien zu dem Thema aus dem MIT (Institut für Technologie Massachusetts) sagt dies aber erstmals in großem Stil voraus, eine Oxforder Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Oxforder Studie wurde vom ZEW in Mannheim auf deutsche Verhältnisse übertragen.

Die Mannheimer Studie relativiert die Zunahme von Arbeitslosigkeit zwar von 47 auf 12 Prozent, relevant aber ist die Interpretation dieser Zahlen aus gewerkschaftlicher Sicht: „Einig sind sich die meisten Wissenschaftler, dass die Jobs von Geringqualifizierten am stärksten gefährdet sind.“ resümiert die Hans-Böckler Stiftung.

Andere Übertragungen der Studie sind nicht so optimistisch – eine Studie der ING DiBa geht von 59 Prozent Arbeitsplatzverlusten in den nächsten 12 Jahren aus, das sind über 18 Millionen Arbeitsplätze.

Auch wenn diese Studien spekulativ sind – vor allem, weil sie nur von dem technologisch Machbaren ausgehen, nicht aber die teilweise hohen Kosten für die Unternehmen mit einkalkulieren – so lässt sich erstens festhalten, dass die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes mit geringem Bildungsgrad und mit geringem Einkommen (was nicht dasselbe ist und nicht dieselben Arbeiter*innen betrifft!) massiv steigt, im untersten Einkommenszehntel auf 80 Prozent laut besagter Mannheimer Studie.

Das durchaus reale Bedrohungsszenario – auch wenn es häufig übertrieben wird – führt aber zweitens zu der eigentlichen Gefahr durch die „Industrialisierung 4.0“, nämlich deren sozialpolitischer Gestaltung. Der drohende oder angedrohte Arbeitsplatzabbau soll kompensiert werden durch höhere, vor allem zeitliche, Flexibilität durch die Arbeiter*innen und durch Lohnanpassungen, d.h. natürlich Lohnkürzungen. Angewendet wird dabei erneut die sogenannte „Tarifdisposivität“ , also die Möglichkeit, gesetzliche Bestimmungen durch Tarifverträge nach unten aufzuweichen. Dieses Vorgehen wurde bereits in der Leiharbeit angewendet. Solche und weitere Vorschläge finden sich im Positionspapier des Arbeitgeberverbands. Eingang findet dieser arbeitsrechtliche Katalog des Grauens in das „Weißbuch Arbeit 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Eine ausführliche Analyse und Kritik dieses Weißbuchs hat Jörn Boewe für die Rosa Luxemburg Stiftung vorgelegt.

„Industrialisierung 4.0“ ist letztlich ein diskursiver Kampfbegriff des Kapitals, der verschleiern soll, dass die seit Ende 2007 grassierende Weltwirtschaftskrise durchaus noch nicht vorüber ist und es aktuell keine Basisinnovation gibt, die einen neuen zyklischen Aufschwung des Kapitalismus ermöglichen würde. Gleichzeitig ist dieser medienpropagandistische Schachzug auch die Präsentation eines neuen angeblichen Sachzwangs, um neue und drastische Angriffe auf die arbeitende Klasse vorzubereiten. Grund genug letztlich, sich dessen Thema von links unten aus anzunehmen, was viele bereits getan haben. Wir präsentieren eine Auswahl an Homepages und Texten zum Thema.

 

II. Materialien zum Thema

Wir selber haben uns bereits als FAU Mannheim frühzeitig mit dem Thema auseinandergesetzt und 2015 Schwerpunktausgabe der Direkten Aktion zu dem Thema redaktionell betreut.

Weitere Beiträge zum Thema aus der Direkten Aktion finden sich hier . Aktuell hat Marcus Schwarzbach, Autor von „Work around the clock? Industrie 4.0, die Zukunft der Arbeit und die Gewerkschaften“ (Papyrossa Verlag) die Diskussion noch mal für die Direkte Aktion in seinem Artikel „Digitaler Arbeitsdruck“ zusammengefasst.

In der „analyse und kritik“ (wir meinen: arbeiterkampf) findet sich online ein lesenswerter Artikel vom gleichen Autor  sowie ein Interview mit dem US-amerikanischen Gewerkschafter Kim Moody, der in den aktuellen Tendenzen auch Aspekte für eine Erneuerung des Klassenkampfs sieht.

Der BdWi (Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ hat eine Schwerpunktausgabe seiner Zeitschrift „Forum Wissenschaft“ erstellt, die Beiträge sind alle online lesbar.

Umfangreiches Material findet sich bei der Rosa Luxemburg Stiftung:

Auch die Zeitschrift „Hintergrund“ hat eine Sonderausgabe zum Thema erstellt, ebenso wie „Z. Zeitschrift für Marxistische Erneuerung“ .

In der Sozialistischen Zeitung „SoZ“ finden sich zahlreiche Beiträge, wir empfehlen hier die Suchfunktion und haben schon mal gesucht.

Folgende Beiträge finden sich in der Jungle World:

Und eine Empfehlung, die immer weiter hilft und ebenfalls ein umfassende(re)s Online-Dossier zum Thema präsentiert, ist natürlich labournet.

 

III. Widerstand 4.0?

Auch wenn vieles an „Industrialisierung 4.0“ an ein Sturm im Wasserglas erinnert und es oft mehr um Gerede als eine tatsächliche technische „Revolution“ geht – klar ist: Wir befinden uns mitten in einem erneuerten Angriff auf die Arbeiter*innen dieser Welt. Die Antworten auf diese Herausforderung sind noch vage, aber es gibt bereits welche.

Wir wollen dabei als erstes darauf hinweisen, dass sich hier historisch doch einiges wiederholt: Eine neue Technik wird als „Sachzwang“ eingeführt, die Gewerkschaften wegen angeblich mangelnder Alternativen an den Verhandlungstisch geholt und letztlich müssen es die Menschen in den Betrieben (oder in ihren mobilen Freelancer-Büros) ausbaden. Der US-amerikanische Technikhistoriker David F. Noble hat die wiederholte Strategie ausführlich dargestellt.

In diesem Sinne handelt die Kampagne make amazon pay, die einerseits amazons Weigerung, einen Tarifvertrag mit ver.di abzuschließen, andererseits aber auch amazons umfassenden gesellschaftlichen Angriff auf uns alle zum Anlass nimmt, amazon unsererseits endlich frontal anzugreifen. Der Aufruf „Block Black Friday“ fasst die Gründe zusammen: amazons Weigerung, überhaupt mit Gewerkschaften zu verhandeln, die Arbeitsorganisation bei amazon und amazons düstere Zukunftsvision, die den klassischen Dystopien von George Orwell bis Aldous Huxley durchaus das Wasser reichen kann.

In einer ausführlichen Broschüre zum Thema wird auch der Widerstand der Lieferant*innen von Deliveroo und Foodora thematisiert. Global haben sich die Fahrer*innen in dem Projekt DeliverUnion organisiert. Vor allem in Berlin organisiert die FAU Proteste und hat auch erste Verhandlungen mit Foodora begonnen , arte hat diesen Arbeitskampf ausführlich dokumentiert .

Die Proteste gegen amazon und Foodora sind nur zwei Beispiele für den Klassenkampf der Zukunft. In diese Richtung muss es weiter gehen. Abschließend wollen wir noch einmal David F. Noble zu Wort kommen lassen: „Wir müssen lernen, auf den Ausspruch – du kannst den Fortschritt nicht aufhalten – zu reagieren mit: Natürlich kannst du!“

 

 

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