„Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht.“ – Interview mit Peter Novak

Gepostet von fauma1 am 14. Juli 2015

Für die kommende Ausgabe der Direkten Aktion interviewten wie Peter Nowak, den Herausgeber des Buches Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken. Leider kann dieses Interview dort nur in gekürzter Form erscheinen. Wir möchten aber die herausgestrichenen Teile nicht gerne einfach unter den Tisch fallen lassen, daher bringen wir das Interview nun an dieser Stelle in voller Länge.

Peter ist übrigens im September auf Lesereise, und wird am 17. September auch in Mannheim Station machen um uns das genannte Buch persönlich vorzustellen!

Demnächst erscheint das von Dir herausgegebene Buch „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht. Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken.“ Darin werden Streiks außerhalb des klassischen Fabrik- und Gewerkschaftsumfelds dargestellt, vor allem in bislang als schwer organisierbar geltenden Sektoren. Siehst Du darin einen allgemeinen Trend, oder bleiben dies lobenswerte Einzelfälle?

Peter Nowak: Oft sind diese Streiks noch Einzelfälle, aber sie deuten eine Tendenz an. Die Beschäftigten in den schwer zu organisierenden Branchen machen die Erfahrung, dass sie oft frühkapitalistischen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind und dass all das Gerede über familiäre Arbeitsverhältnisse und flache Hierarchien diese Ausbeutungsverhältnisse nur mühsam ideologisch verschleiern. Sehr deutlich wird dass am Arbeitskampf in einem Berliner Spätkauf, den ich im Buch vorstelle. Er ging für den Beschäftigten erfolgreich aus und er erstritt sich mit Hilfe der FAU eine Lohnnachzahlung. Doch dies war nur möglich, weil der Arbeitskampf auch als politische Auseinandersetzung öffentlich geführt wurde.

Peter Nowak: Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht.

Der Kollege arbeite in der Woche bis zu 60 Stunden, hatte aber offiziell einen 20 Stunden Job. Er war mit dem Chef per Du und erfüllte oft genug die Funktion eines Ladenleiters. Er musste die Kasse in Ordnung halten, das Warensortiment überprüfen, durfte auch mit entscheiden, ob ein Produkt aus dem Sortiment genommen wird oder nicht. Schließlich hatte er die Nähe zu den KundInnen, die dem Ladenbesitzer, der mehrere Läden betrieb, fehlte. Als der Chef schließlich eine Kamera einbaute, mit der er den Kollegen ständig an seinen Arbeitsplatz beobachten konnte, war für den das Maß voll. Er forderte nicht nur den Abbau der Kamera sondern auch eine Bezahlung nach den von ihm geleisteten Arbeitsstunden, Pausen, Urlaub etc. Sofort wurde der Ladenbesitzer, mit dem er per Du war, zum Kleinkapitalisten, der ihm zeigen wollte, wer Herr im Haus war. Er verhängte ein Hausverbot gegen den Kollegen und seine UnterstützerInnen und ging juristisch gegen Medien und Internetportale vor, die über den Arbeitskampf berichteten. Hier begann erst die Geschichte des Arbeitskampfes, der sicher ohne die Unterstützung der FAU und eines UnterstützerInnenkreises so nicht möglich gewesen wäre. So gelang es, innerhalb weniger Wochen mit Flyer- und Plakataktionen im Umfeld des Spätkaufs deutlich zu machen, dass Ausbeutung in der Nachbarschaft beginnt und bekämpft werden muss. Es gab mehrere Kundgebungen und zunehmend reagierten AnwohnerInnen offener. Vor allem ältere MieterInnen fühlten sich an ihre eigenen Arbeitsverhältnisse erinnert, beispielsweise als Kassiererin in einer Ladenkette oder am Band in der Fabrik. Schwerer zu vermitteln war der Arbeitskampf jüngeren Menschen aus der subkulturellen Szene, die ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Ladens wohnten. Für sie war er ihr beliebter Späti, der immer offen und faire Preise hat. Was das für die Arbeitsbedingungen der Menschen bedeutete, die dort hinter dem Tresen standen, schien sie zunächst nicht zu interessieren. An diesen Beispiel zeigt sich, dass es möglich ist, auch in Branchen, die schwer zu organisieren sind, wozu die Spätkaufbranche gehört, einen erfolgreichen Arbeitskampf zu führen. Dazu gehört allerdings der erste Schritt, dass der Beschäftigte, die sozialpartnerschaftliche Ideologie des „Wir sind eine große Familie“, „Wir sitzen alle in einem Boot“, „Wenn ich meinen Chef duze, kann er doch kein Ausbeuter sein“ oder „Mein Chef hat doch selber nicht viel mehr als ich“ überwinden muss. Es geht darum zu erkennen, dass es auch in diesen Arbeitsverhältnissen Interessengegensätze zwischen den KäuferInnen und VerkäuferInnen der Arbeitskraft gibt, die nicht durch Chefduzen überwunden werden können. Das ist der erste, aber wichtigste Schritt, um in diesen Branchen einen Arbeitskampf zu führen. Dass der erfolgreiche Arbeitskampf im Berliner Spätkauf, dessen Ergebnis auch bekannt gemacht wurde, nicht zu einer Welle von weiteren Arbeitskämpfen in dieser Branche führte, ist genau mit dieser Hürde zu erklären, dass die KollegInnen die schlechten Arbeitsbedingungen akzeptieren, sich vielleicht privat eine Vorteile durch Extraarbeit etc. verschaffen, aber oft nicht bereit sind, einen Arbeitskampf zu führen. Das ist die Problematik in vielen dieser Bereiche in den Branchen außerhalb der großen Fabriken. Es gibt viele Beispiele, die erst einmal bekannt gemacht werden müssen. Dazu soll mein Buch beitragen.

Die kämpferischen Streiks, die auch eine mediale Aufmerksamkeit erreichten, gingen fast alle von kleinen und Spartengewerkschaften aus oder von sich selbst organisierenden ArbeiterInnen. Gleichzeitig geht der Organisationsgrad seit Jahren zurück. Was leisten die kleinen Gewerkschaften, was die klassischen Massenorganisationen nicht können?

Peter Nowak: Sie können Beschäftigte in Bereichen organisieren, die durch das Raster der DGB-Gewerkschaften fallen. Es geht doch auch um die Kosten-Nutzen-Rechnung. In Branchen, wo es Betriebe mit einer Handvoll Beschäftigten gibt, werden die großen Gewerkschaften erst gar nicht aktiv. Natürlich gibt es da mittlerweile gerade im Bereich von Ver.di auch Bewegung. So gibt es in Hamburg den Ver.di-Fachbereich „besondere Dienstleistungen“, wo mittlerweile auch SexarbeiterInnen organisiert sind. Generell aber gilt: Kleine Gewerkschaften sind viel näher an den KollegInnen dran und es gibt auch bessere Möglichkeiten der Basisbeteiligung, weil eben nicht ein großer Gewerkschaftsapparat vorhanden ist, der im Zweifel Basisaktivitäten lähmt. Rosa und Johanna von labournet.tv haben im Buch sehr anschaulich beschrieben, wie sich die oft migrantischen LogistikarbeiterInnen in Norditalien mit Unterstützung der Basisgewerkschaft SI Cobas organisierten, erfolgreiche Arbeitskämpfe führten und auch ein UnterstützerInnenumfeld in der außerparlamentarischen Linken fanden. Dass sind Prozesse, die Mut und Inspiration geben. Es ist überhaupt ein Plädoyer, über den nationalen Tellerrand zu blicken. In vielen europäischen Ländern aber auch in den USA gibt es interessante Organisierungsversuche von schwer organisierbaren Beschäftigten. Am Ende des Buches sind Zeitschriften und Internetprojekte aufgeführt, die darüber berichten.

Der Untertitel – Arbeitskämpfe nach dem Ende der Fabriken – verweist auf einen anderen Trend: In den Hochlohnländern nehmen die Betriebsgrößen ab, Arbeitsverhältnisse werden zunehmend „flexibilisiert“. Was bedeutet dies für die ArbeiterInnen? Wie können sie sich unter den sich ändernden Bedingungen wirksam organisieren?

Peter Nowak: Zunächst mal ist die Flexibilisierung kein Naturgesetz, wie oft behauptet wird. Es ist die Folge des Machtverlustes der ArbeiterInnenbewegung in den letzten Jahrzehnten. Schließlich wurden alle Rechte, von Lohnerhöhungen bis zur Begrenzung der Arbeitszeit etc. durch die ArbeiterInnenbewegung erkämpft und waren kein Geschenk von Staat und Wirtschaft. Allerdings haben die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften einen wichtigen Anteil daran, dass diese Erkenntnis verloren ging. Es gibt natürlich kein Patentrezept, wie sich die KollegInnen organisieren sollen. Wichtig ist, dass sie selber ihre Interessen aktiv wahrnehmen, sich mit ihren KollegInnen austauschen, beratschlagen, Forderungen aufstellen und sie dann auch öffentlich durchsetzen. An diesem Punkt können dann die viel gelobten neuen Medien wie Facebook etc. eine Rolle spielen. Aber der erste Schritt ist der Kontakt mit den KollegInnen in der Realwelt. Das ist nicht so viel anders wie in der alten ArbeiterInnenbewegung. Denn die arbeiteten ebenfalls unter extrem prekären und flexiblen Arbeitsverhältnissen und haben dagegen gekämpft.

Größere Betriebe mit hunderten oder sogar tausenden von ArbeiterInnen gibt es aber doch weiterhin: Sie siedeln sich bevorzugt in Schwellenländern mit niedrigen Lohnkosten an. Auch hier sahen wir in den letzten Jahren eine Reihe großer Streiks und Proteste. Was können wir von den ArbeiterInnen dort lernen? Und wie können wir diese Kämpfe unterstützen?

Peter Nowak: Das zeigt, wie notwendig die transnationale Solidarität auch bei Arbeitskämpfen ist. Die alte Parole „Proletarierinnen und Proletarier aller Länder“ hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Im Gegenteil: Gegen das Modell einer transnationalen, solidarischen Kooperation der Lohnabhängigen steht eine nationale ArbeiterInnenbewegung, die sich gegen die Armen im eigenen Land und gegen Geflüchtete abschottet und zum Rekrutierungsfeld rechter und rechtspopulistischer Bewegungen und Parteien wird. Es ist kein Zufall, dass Parteien wie die FPÖ in Österreich, der Front National in Frankreich oder die RechtspopulistInnen in Dänemark ihr WählerInnenreservoir vor allen in Kreisen haben, die lange Jahre sozialdemokratische oder stalinistische Parteien gewählt haben, die bei aller internationaler Rhetorik immer auch nationalistisch waren. Das transnationale solidarische Konzept ist so auch das beste Mittel gegen die unterschiedlichen Spielarten des Rechtspopulismus. Ich habe in dem Buch ein Interview mit einer Mitarbeiterin des Projekts Labourstart geführt, einer Plattform, die sich der Förderung einer solchen transnationalen Solidarität widmet. Außerdem werden Internetprojekte wie labournet.tv und Labournet vorgestellt, die wichtige Informationen für eine transnationale Solidarität liefern. Bei einer solchen Solidarität ist der zentrale Gedanke nicht die Hilfe sondern die gegenseitige Unterstützung bei der Organisierung der eigenen Interessen in der Arbeitswelt. Dabei ist es aber auch wichtig, Geflüchtete ebenso als KollegInnen zu begreifen. Daher habe ich auch einen Artikel in das Buch aufgenommen, in dem es um die Probleme geht, die eine solche Forderung heute noch in den DGB-Gewerkschaften bereitet. Doch sie gilt natürlich ebenso für alle Basisgewerkschaften. Ein gutes Beispiel ist der Streik der rumänischen Bauarbeiter, die auf der Baustelle der Mall of Berlin schufteten und um ihren Lohn betrogen wurden.

Im Care-Bereich sind Streiks oft besonders schwer zu vermitteln – die von der Arbeitsniederlegung betroffenen sind oft von den erbrachten Dienstleistungen in hohem Maße abhängig. Siehst du den jüngsten KiTa-Streik in dieser Hinsicht als erfolgreiches Modell? Lässt sich dies auf z.B. den Pflegebereich mit seinen notorisch schlechten Arbeitsbedingungen übertragen?

Peter Nowak: Viele der neuen Arbeitskämpfe werden im Dienstleistungsbereich geführt, in denen vor allem Frauen oft zu niedrigeren Löhnen als Männer beschäftigt waren. Das gilt für den KiTa-und Pflegebereich ebenso wie im Gesundheitswesen. Aber auch im Einzelhandel waren es vor allem Frauen, die sich gegen dort gegen ihre Arbeitsbedingungen organisierten. Die feministische Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker hat in ihrem kürzlich im transcript Verlag erschienenen Buch “Carerevolution – Schritte in eine solidarische Gesellschaft“ sehr gut dargelegt, dass ein wichtiger Teil der neuen Carerevolution-Bewegung auch gewerkschaftliche Kämpfe im Sorge-, Gesundheits- und Erziehungsbereich sind. Dankenswerterweise hat Alexandra Wischnewski für das von mir herausgegebene Streikbuch einen Beitrag geliefert, der sich mit den Problemen einer solidarischen Organisierung von Carearbeit befasst. Ihr Aufsatz beginnt mit der Frage: „Wer übernimmt die Versorgung der Kinder und Alten, der Pflege- oder Assistenzbedürftigen, wenn die Beschäftigten streiken?“ Damit spricht sie eine wichtige Frage bei den neuen Arbeitskämpfen an. Gerade Arbeitskämpfe im Dienstleistungssektor zeigen nur Wirkung, wenn diese Bereiche lahmgelegt werden. Was bedeutet es aber für berufstätige Frauen, wenn die KiTa geschlossen ist? Die Organisierung solidarischer Netzwerke ist auch eine Aufgabe der Gewerkschaften, das bezieht sich auf die im DGB organisierten ebenso wie die basisgewerkschaftlichen Zusammenhänge. Wenn während eines Kitastreiks gewerkschaftliche und feministische Zusammenhänge gemeinsam eine solidarische Kita organisieren, wächst so auch die Bereitschaft von Eltern, sich mit dem Arbeitskampf der Kita-Beschäftigten zu solidarisieren. Genauso sollten bei Arbeitskämpfen im Gesundheitssektor, PatientInnen und ihre Angehörigen von Anfang an einbezogen werden. Sie haben natürlich ebenso ein Interesse an einer verbesserten Personalausstattung und an ausgeruhten Beschäftigten. Mit dieser Einbeziehung wird aus einem Betriebskampf eine gesellschaftliche Auseinandersetzung. Ich habe mit einem Exkurs in das Jahr 1984 und 1985 auf eine besondere Solidaritätsaktion in einem klassisch fordistischen Bereich hingewiesen Damals haben in Großbritannien Lesben- und Schwulen-AktivistInnen den Bergarbeiterstreik unterstützt. Darauf entwickelte sich eine Solidarität in einem kulturell sehr diversen Milieu, die noch bis in die 90er Jahre Spuren hinterlassen hat. Heute ist es gerade bei Arbeitskämpfen in Bereichen außerhalb der großen Fabriken eine gesellschaftliche Solidarisierung umso notwendiger für einen Erfolg. Gleichzeitig wird dadurch, dass ein Arbeitskampf aus dem Betrieb in die Gesellschaft getragen wird, deutlich, dass es um mehr als eine Lohnerhöhung oder eine Arbeitszeitverkürzung geht. Es geht um die Infragestellung eines kapitalistischen Systems, dass die Verwertung und Ausbeutung der Arbeitskraft zur Grundlage hat.

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